inmusikverliebt

himbeeren und vanilleeis

Es hätte eine dieser idealisierten Sommernächte sein können, nach denen du dich in den letzten kühlen Frühlingstagen sehnst und auf die du wehmütig zurückblickst, wenn du nach einem langen Tag auf dem Heimweg bist und es schon dunkel wird, obwohl du dich fühlst, als wärst du vor einer Stunde erst aufgewacht, um dich aus dem Haus zu quälen.

Irgendjemand lacht ein bisschen zu laut und ein bisschen zu übermütig, aber niemand stört sich daran, weil alle gut drauf sind, das Gras kitzelt meine Fußsohlen und jemand hält mir ein Getränk hin und ich nehme es, ohne lang nachzudenken. Mein Kopf schwimmt ein wenig und alles fühlt sich an, als wäre es nicht ganz echt oder zumindest ganz weit weg. Ich bewege meine Zehen im Gras und zeichne Muster in die Feuchtigkeit an der kalten Glasflasche. Irgendjemand singt. Eine andere Stimme sagt meinen Namen und ich drehe den Kopf zur Seite. Fes Augen sind keine zehn Zentimeter von meinem Gesicht entfernt und er lächelt.

Hey du.

Hey.

Ich hätte dich fast übersehen hier unten. 

Ich hebe eine Hand und wickle mir eine seiner langen Haarsträhnen um den Finger. Sie ist grün. 

Du hast deine Haare anders.

Fe zuckt mit den Schultern, so gut das eben geht, wenn jemand seitlich auf einer Wiese liegt und den Kopf auf einer Hand abstützt. Du weißt ja, wie es ist. Und ich nicke; wenn alles zu viel wird, ist Haarfarbe ein bisschen wie heiße Schokolade an Winterabenden. Ann ist nicht da? Mehr Schulterzucken. Ich vergrabe meine Hände in Fes Haaren. Leises Seufzen und Augen die flatternd zufallen. 

Es hätte eine dieser idealisierten Sommernächte sein können, in der alles gut ist oder zumindest alles Schlechte so weit weg, dass niemand mehr daran denkt. Aber die Realität ist, dass das Leben sich nicht so einfach anhalten lässt, auch nicht für zu lautes Lachen und kitzelndes Gras unter Fußsohlen und gestohlene Küsse und Hände, die sich in grünen Haaren vergraben. 

Fes Hände schließen sich um meine Handgelenke und ich löse sie aus seinen Haaren, um mich aufzusetzen. Irgendjemand singt immer noch und ich weiß, dass es Zeit wird, zu gehen. Ich weiß, die anderen werden Spaß haben und für sie wird es vielleicht eine Nacht sein, über die sie noch in ein paar Wochen sprechen, wenn sie sagen Wann haben wir eigentlich zuletzt?, bevor sich das Wir sollten mal wieder  in den Gruppenchats, wie im Sande, verläuft und untergeht zwischen Hat jemand eine Luftpumpe für mein Fahrrad? und Lernverabredungen in der Universitätsbibliothek. 

Irgendwie dreht sich die Welt weiter und heute Nacht dreht sich um mich herum alles ein wenig, als ich aufstehe und Fe eine Hand hinhalte. Lass uns Vanilleeis und Himbeeren kaufen

Letzte Einkäufe des Abends für ein wenig Normalität und vielleicht auch, um hinauszuzögern und zu vermeiden, was ich irgendwo tief in mir drin längst als unvermeidlich erkannt habe. 

Die Luft schmeckt nach Abschied und mir liegt das Ende schwer auf der Zunge; Fe nimmt meine Hand und halb gehe ich, halb lasse ich mich ziehen, bis wir sein Fahrrad erreichen und ich meinen Rucksack in seinem Korb ablege. 

Einkaufen und dann nach Hause?

Heute Nacht schmeckt Abschied nach ihren Küssen und Himbeeren mit Vanilleeis und irgendwo spielt jemand Wonderwall auf einer Gitarre, die schon zu lange nicht mehr gestimmt wurde. 


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